wanne.2020plus

Da geht doch was … Das Projekt „wanne.2020plus“ lebt von koordinierter Initiative

Ein Interview mit Holger Stoye, Geschäftsführer der WFG Herne

Das Projekt wanne.2020plus „urban, ökonomisch, digital und mobil“, gestartet Mitte 2018, ist eingebunden in den „Pakt für Wanne“. Ziel: eine lebenswerte Innenstadt Wanne.

Bei der Wirtschaftsförderung laufen im Prozess wanne.2020plus die Fäden zusammen. Was ist das Ziel des Projekts und was unterscheidet es von den bisherigen Entwicklungsplänen für Wanne?
Vor einigen Jahren wurde die Wanner City im Rahmen des Projekts „jetzt wanne“ umgestaltet. Durch die Maßnahmen hat sich im Innenstadtbereich Vieles verbessert. Trotzdem brauchen wir nun einen neuen Anlauf, auch im Hinblick auf die allgemeine Entwicklung von Innenstädten. Wir setzen dabei da an, wo wir die besten Chancen sehen und Akteure sich einzubringen bereit sind.

Dann haben Sie gar keinen Plan?
Stadtkernbelebung heißt, ständig bereit zu sein sich anzupassen – an demografische Veränderungen, sich rasch wandelnde ökonomische Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Trends und Bedürfnisstrukturen. Daher arbeitet unser Projektansatz mit kurz- und längerfristigen Impulssetzungen. Natürlich brauchen wir dafür eine Strategie. Ausgangspunkt hierfür sind Einzelgespräche und Gesprächsrunden in unterschiedlichen Gruppenstärken. Rund 50 Einzelgespräche und Gruppengespräche mit der Politik vor Ort und der Werbegemeinschaft wurden bereits geführt. Außerdem gab es jeweils zwei OB-Plenumsrunden und Bürgerforen unter Federführung des Fachbereichs Stadtentwicklung, Volker Bleikamp. Weitere Gespräche sind noch geplant. All dies stellt die Basis für die Abarbeitung unseres Auftrags dar.

… und der wäre?
Pflichtteil unseres Auftrags ist die ökonomische Stabilisierung und Weiterentwicklung der Fußgängerzone, d.h. wir prüfen die Optionen der Handels- und Gastronomieentwicklung sowie Entwicklungschancen bei Immobilien.

Gibt es hier schon konkrete Ergebnisse?
Wir brauchen eine bessere Informationsgrundlage. So haben wir eine doppelte Passantenfrequenzmessung sowohl in der Hauptstraße als auch in der Bahnhofstraße in Herne-Mitte durchgeführt. Ergebnis ist, dass die Wanner Spitzenwerte nicht allzu weit von jenen des Herner Zentrums entfernt sind (1.900 zu 2.700). Die Frequenz hat hat jedoch höhere Ausschläge, d. h. sie zeigt weniger Stabilität auf. Einzelne Abschnitte werden gezielt aufgesucht. Um zu ermitteln, ob und von wem welches Interesse am Standort Wanne besteht, haben wir Gisbert Schneider von Straten Consulting als externen Berater mit sehr guten Kontakten zu Unternehmen aus dem Einzelhandelsbereich hinzugezogen. Hier wird mit einem Ergebnis bis Dezember 2019 gerechnet.

Räumen Sie Wanne denn wirklich eine Chance ein?
Aber selbstverständlich! Allein die gute Erreichbarkeit auch für Besucher aus Nachbarstädten per PKW und ÖPNV spricht für sich.

Wo gibt es denn Handlungsbedarf?
Wir haben Lücken in Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistung. Nicht nur die Leerstände zeigen dies deutlich. Gespräche mit Akteuren, die Auswertung der beiden Plenumsveranstaltungen und Bürgerforen haben die Schwachstellen aufgezeigt. Es wurden auch bereits Vorschläge zur Verbesserung der Situation gesammelt, die allerdings naturgemäß nicht immer in die gleiche Richtung gehen und nicht alle in das Kernaufgabengebiet der Wirtschaftsförderung fallen. Gewünscht sind beispielsweise eine Qualitätssteigerung bei der Optik der Immobilien, v.a. in den Erdgeschosslagen, eine Bewohnerdurchmischung, Angebote für Jung und Alt und kleine und große Budgets, für Berufspendler ebenso wie für vor Ort Bleibende. Vorschläge gibt es auch bezüglich der Verbesserung der Erreichbarkeiten und räumlichen Funktionalitäten sowie der Länge der Fußgängerzone.

Apropos Fußgängerzone …
In der Tat: Wanne hat mit 700 Metern eine Fußgängerzone so lang wie die Via Condotti, die Luxusmeile Roms. Gut funktionierende Fußgängerzonen, auch in Top-Städten, sind aber in der Regel kürzer. Unsere Passantenfrequenzmessung in der Wanner Fußgängerzone zeigte denn auch, dass es eine ca. 350 Meter lange 1a-Lage innerhalb der Wanner Fußgängerzone gibt.

Wo kommen die eben genannten Verbesserungsvorschläge her?
Die meisten Vorschläge kamen aus den beiden Plenumsveranstaltungen und den Bürgerforen.

Welche Ideen und Anregungen gab es konkret bei den Bürgerforen?
Im Zentrum des ersten Forums stand eine Zusammenstellung von Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken. Dies resultierte in 233 Moderationskarten, die inhaltlich ausgewertet wurden und für das Projekt, aber auch für den gesamten „Pakt für Wanne“ ein Reservoir an Vorschlägen, Kritikpunkten und Ideen bildet, mit dem gearbeitet wurde und wird. Das zweite Bürgerforum diente v. a. dazu, einen Zwischenstand des Projekts vorzustellen: den erhobenen Hintergrund aus Daten und Experteneinschätzungen, grundlegende konzeptionelle Überlegungen mit den darin notwendig auftretenden Zielkonflikten und erste praktische Umsetzungsschritte. Wir wollten konkret wissen, was die Bürger meinen bei Themen wie: Vor- und Nachteile einer Verkürzung der Fußgängerzone, Abschnitte darin, die ungenügend ausgeleuchtet sind oder in anderer Weise Unwohlsein erzeugen, bestehende oder fehlende Qualitäten des Wohnens in der Innenstadt sowie gute und schlechte Beispiele von Stellplätzen für Fahrräder und Pkw. Auf insgesamt 112 Moderationskarten wurden entsprechende Argumente, Anregungen und Hinweise vermerkt, z. T. nach langer Diskussion unter den Teilnehmenden. Nur halb so viele Karten wie beim ersten Forum! Für die aber mindestens die gleiche Mühe an Denkarbeit aufgewendet wurde, weil bei jeder Sachfrage das Für und das Wider zu überlegen war. Allen Beteiligten hierfür herzlichen Dank!

Wie gehen Sie denn nun konkret mit den Vorschlägen um?
Natürlich können wir nicht alle Wünsche auf einmal abarbeiten. Teilweise widersprechen sie sich auch. Einige Dinge brauchen ihre Zeit und müssen gut überlegt sein. Für die Qualifizierung der Wegebeziehungen innerhalb des Zentrums z.B. wird an Konzepten für eine bessere Ausleuchtung sowie für Beschilderungen und digitale Kommunikation gearbeitet. Das Wichtigste aber ist: Wir haben bereits erfreulich viele Partner gefunden, die sich am Prozess beteiligen. So bauen derzeit die Stadtwerke das aufgegebene Gewehr-Ladenlokal zu einem Servicecenter aus, die wewole-Stiftung wird sich engagieren, und die städtische Wohnungsgesellschaft HGW hat im Block zwischen Haydn-, Stöck-, Heine- und Hauptstraße Schlüsselimmobilien erworben. Die kulturelle Stadtentwicklung durch das Kreativ.Quartier wird fortgesetzt. Jens Rohlfing hat in Teilzeit das Quartiersmanagement für Wanne übernommen.

Welche Zielvorstellung haben Sie? Wohin soll sich Wanne entwickeln?
Alle geführten Gespräche zeigen deutlich, dass wir zwischen zwei miteinander konkurrierenden Ausrichtungen stehen: Nahversorgungszentrum oder eine zweite City in der Stadt. Wollen wir das „Dorf Wanne“ oder „Erlebnis Wanne“? Diese Entscheidung ist für die einzuschlagende Strategie von Bedeutung. Ein Nahversorgungszentrum Wanne-Mitte richtet sich an die etwa 23.000 Einwohner und ist mit seinem Erscheinungsbild und seinen Angeboten an den Bedarfen der Anwohner und dem Konzept des „gemütlichen Dorfes“ orientiert. Ein zweites Stadtzentrum Wanne-Mitte muss ein Publikum von 40.000 bis 60.000 Einwohnern adressieren und mit einem breiten Angebot und zentralen Funktionen ein urbanes Erscheinungsbild haben.

Gibt es Trends, die gleichermaßen für Wanne und andere Innenstädte, z.B. Herne gelten?
Ja. Alle sehen sich konfrontiert mit Digitalisierung, verändertem Kaufverhalten und einem relativen Bedeutungsverlust des Handels in der City. Die Innenstadt der Zukunft wird definitv anders aussehen als die Innenstadt der Vergangenheit, die Viele noch vor Augen haben. Der Trend geht hin zu einer stärkeren Rolle von Gastronomie, Dienstleistungen, Kultur, Freizeiteinrichtungen, Arbeiten und Wohnen sowie der Qualität des öffentlichen Raums als Frequenzbringer. Früher war fast ausschließlich der Handel Frequenzbringer; für die Zukfunft sollten wir aber auch alle anderen Nutzungen im Blick haben, die Frequenz generieren. Nur so haben wir eine Chance, die Standortattraktivität sowie die Aufenthalts- und Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.

Der OB sprach kürzlich von Wanne als „Metropolenkiez“ …
Eine sehr passende Bezeichnung! Wanne ist ja in der Tat Teil eines großen Ganzen und gleichzeitig eine „Insel“ mit einer ganz eigenen Identität und einem besonderen Zusammengehörigkeitsgefühl. Das wollen wir auf jeden Fall erhalten! Wo kämen sonst die ganzen Leute her, die sich schon im Projekt einbringen? Und wir brauchen noch mehr davon!

Stimmen zum Projekt:
„Im Auftrag der Wirtschaftsförderung Herne führen wir in der Wanner City ein professionelles Geschäftsflächenmanagement durch. Wir kontaktieren dieses Jahr telefonisch alle regional oder bundesweit agierenden Filialisten, die theoretisch als Mieter für die Ladenlokale in Wanne in Frage kommen. Es wurden bereits ein paar Unternehmen gefunden, die interessiert sind, hier eine Neueröffnung zu prüfen, und ein Textil-Filialist sucht sogar schon konkret mit unserer Hilfe ein passendes Ladenlokal.“

Gisbert Schneider, Straten Consulting, e-mail: schneider@wanne2020plus.de


Ich erwarte, dass wir Wanne-Mitte wieder zu einem lebendigen Wohlfühlort machen, der Wohnen, Einkaufen, Freizeit und Arbeit verbindet.

Jens Rohlfing, e-mail: rohlfing@wfg-herne.de


„Die Wahrnehmung der Defizite überlagert gerade in Wanne sehr stark die der Möglichkeiten, die es aber dennoch gibt. Das müssen und wollen wir ändern.
Wie die Erhebungen zur aktuellen Fortschreibung des Masterplans Einzelhandel aufgezeigt haben, ist die gemessene Lage auch besser als die gefühlte. Wenngleich die Wahrheit wahrscheinlich dazwischen liegt; so hat jedenfalls die Ansiedlung von Kaufland eben nicht – wie von manchen erwartet – zu entsprechenden Rückgängen im nördlichen Bereich, sondern zu einem deutlichen Zugewinn an Verkaufsfläche geführt.
Ich bin überzeugt: in Wanne da geht noch was!“

Volker Bleikamp, e-mail: volker.bleikamp@herne.de

Ideen / Angebote für Wanne: Es gibt in der Heinestraße 1 beim Kreativ.Quartier Wanne einen realen und hier auf der Website www.wanne2020.plus einen digitalen Briefkasten, den Bürger nutzen können, um ihre Ideen und Angebote loszuwerden.

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